Die Aura des Chefs

Amüsant wird es immer dann, wenn der Verbandsdirektor ins Berliner Büro kommt – und das auch noch länger als einen Tag. Dann drehen alle am Rad. Selbst meine Vorgesetzten, die ja auch Chefs sind, aber noch unter dem Verbandsdirektor stehen, werden zu kleinen Jungs in Gegenwart des Schuldirektors: Sie würden nie einfach an seine Tür klopfen und darauf sein Büro betreten – nein, sie lauschen erst einmal an seiner Tür, ob der Verbandsdirektor telefoniert. Denn wenn er telefoniert, wollen sie ihn ja nicht stören, indem sie die Tür öffnen. OMG.

Letzte Woche war er drei Tage hintereinander in Berlin – meine Kollegin brauchte daraufhin erst einmal Urlaub und hat sich ein verlängertes Wochenende gegönnt.

Außenstehende mögen nun glauben, dass der Verbandsdirektor, deren Sekretärin ich bin, ein ausgesprochen anspruchsvoller Mensch sei, jemand mit ungewöhnlich hohen Erwartungen an seine Untergebenen. Falls dem so ist, habe ich davon noch nichts mitbekommen. Er ist im Gegenteil sogar sehr umgänglich und äußerst freundlich.

Ich würde eher behaupten, es ist seine Aura, die ihn zu einem gottgleichen Wesen für seine Mitarbeiter erhebt. Zumindest reagieren fast alle so in seiner Gegenwart: respektvoll bis hin zur Erniedrigung. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie sich auf die Knie werfen würden angesichts seiner Strahlkraft.

Von flachen Hierarchien hat man hier noch nichts gehört, auch nichts vom allgegenwärtigen Duzen – das man hier eher als Seuche, angeschleppt von angloamerikanischen Unternehmen, betrachtet.

Witzig ist auch das Verhalten seiner Sekretärinnen in Köln, deren Kontrolle sich der Chef entzieht, wenn er mal wieder nach Berlin fliegt. Sie halten sich zwar stark zurück und drangsalieren mich nicht, wenngleich ich ganz genau weiß, dass sie mich für eine ziemliche Niete auf der so verantwortungsvollen Position „Sekretärin des Verbandsdirektors“ halten. Aber sie haben so einen merkwürdigen Telefon-Spleen, dessen oberstes Mantra besagt: „Sei immer und überall erreichbar.“ Was zur Folge hat, dass das Umleiten (im Verbandsjargon „Umlegen“ genannt) des Telefons oberste Priorität genießt. Wenn meine Kölner Kollegin sich also vom Bürosessel erhebt, um bspw. in die Küche zu gehen und sich einen Kaffee zu holen, dann legt sie um auf ihr Firmen-Handy oder auf das Telefon ihrer Assistentin.

Folgendes ist also passiert, das mir viel, sehr viel Kritik eingebracht hat:

Ich habe mich aus meinem Bürosessel erhoben, um aufs Klo zu gehen, das Telefon aber habe ich NICHT umgelegt. Ich war somit nicht erreichbar. Das Telefon klingelte und klingelte und niemand ging ran.
„Das macht einen sehr schlechten Eindruck auf Außenstehende“, wurde mir daraufhin gesagt.

Ich muss noch viel lernen.

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