Unterm Mühlstein

Ich bin frei.
Zumindest war heute mein letzter Arbeitstag und ich habe nichts Neues in Aussicht. Was kommt, ist ungewiss. Von Ungewissheit kriege ich Pickel. Insofern kann ich meine erzwungenen Ferien nur eingeschränkt genießen. Schön ist es aber trotzdem, einfach mal das tun zu können, was einem wirklich am Herzen liegt. In einer solchen Situation war ich schon lange nicht mehr.

  • Ich schreibe also – und ich schreibe nicht nur so zwischendurch, sondern kann laaange nachdenken.
  • Ich werde mit meinem Sohn endlich mal ins Museum gehen und in eine Galerie seiner Wahl.
  • Ich werde die Urlaubsvideos der letzten Jahre zusammenschneiden.

Obwohl ich erleichtert bin, den Verband verlassen zu können, war der Abschied nicht leicht. Ich konnte die Tränen kaum zurückhalten. Damit habe ich mich selbst überrascht. Zwar bin ich seit jeher nah am Wasser gebaut, neige aber nicht zu Sentimentalitäten. Besonders eng befreundet war ich mit meinen KollegInnen dort auch nicht, wenngleich ich sie sehr sympathisch fand.

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Die Ungewissheit schlägt zu – ich schlage zurück!

Gestern hat es mich völlig ausgeknockt. Plötzlich hatte ich Fieber und konnte nur noch im Bett liegen. Sobald ich mich aus der Horizontalen in die Vertikale bewegt habe, wurde mir übel, ohne dass ich mich hätte übergeben müssen. Mir war einfach den ganzen Tag lang schlecht, aber ich wusste nicht, aus welchem Grund.

Mittlerweile geht es mir wieder bestens, denn ich habe herausgefunden, was mich so bedrückt hat: Es war kein Virus, sondern die Ungewissheit. Die Ungewissheit darüber, wie es nächstes Jahr weitergehen wird.
Mein Chef hatte mir ja zugesichert, dass es auf jeden Fall im Verband weitergehen würde, weil ich zu seiner Zufriedenheit gearbeitet habe. Er wusste zwar noch nicht, auf welcher Position, doch die Festanstellung wäre sicher. Für ihn war das kein Thema, über das er lange nachzudenken brauchte. Er nahm an, das erledige sich schon von selbst. Man bräuchte sich also keine Sorgen zu machen.

Ich sorgte mich trotzdem. Keine Ahnung, weshalb. Vielleicht, weil alles so verschwommen auf mich wirkte. Wochenlang sickerten keine konkreten Informationen durch.

Heute Mittag jedenfalls kam die Wahrheit doch noch ans Licht. Mein Chef rief mich zu Hause an, da ich krankgeschrieben bin, um mir mitzuteilen, dass ich noch ein bis zwei Monate im Verband bleiben darf, als Zeitarbeiterin selbstverständlich, bis man die Stelle neubesetzt habe. Er sprach die Wahrheit sehr kühl aus, als wären wir uns fremd, ließ die Information, dass ich noch ein bis zwei Monate bleiben dürfe, jedoch klingen, als müsse ich dankbar dafür sein. Kein Wort der Entschuldigung für den miserablen Verlauf einer vermeintlichen Festeinstellung.
Dass ich die Stelle kriege, in die ich bestens eingearbeitet bin, kommt nicht in Frage, da ich ja nur 35 Wochenstunden arbeiten kann, nicht wie geplant 40. Davon weiche ich auch nicht ab, denn ich würde lieber weniger als mehr Stunden dafür aufwenden.

Trotz der fadenscheinigen Begründung und der ausgebliebenen Entschuldigung fühle ich mich nun tatsächlich viel besser. Es ist ungemein befreiend, zu wissen, woran man ist. Am liebsten würde ich nur noch bis zum 31.12. beim Verband arbeiten gehen und mir dann etwas anderes suchen. Meine Motivation hält sich arg in Grenzen. Wenn ich nicht so scharf auf ein gutes Arbeitszeugnis wäre, hätte ich gar keine mehr.
Gestern hatte ich bereits ein telefonisches Vorstellungsgespräch, das sehr vielversprechend verlaufen ist, morgen habe ich eines, bei dem ich physisch anwesend sein muss. Beide Stellen interessant und vielseitig. Es ist, als sei alles schon vorprogrammiert gewesen.

Nur von meinem Chef bin ich enttäuscht. Er hat falsche Hoffnungen in mir keimen lassen. Obwohl er so gebildet ist, hat er so unklug gehandelt. Ohne seine Versprechungen würden wir völlig neutral getrennter Wege gehen. So aber fühle ich mich für dumm verkauft.
Denn auf der mir versprochenen Position wäre ich schon gern beim Verband geblieben. Die Kollegen dort sind schließlich sehr, sehr nett zu mir gewesen. Wir lagen auf einer Wellenlänge. Das Aufgabengebiet habe ich allerdings nicht kennen gelernt.

Doch darüber, dass mir die Sekretärinnenstelle aus o.g. Gründen nicht angeboten wird, sollte ich mich wirklich freuen. Denn phlegmatisch, wie der Mensch ist, hätte ich angenommen. Und das wäre mein langsames, aber sicheres Verderben gewesen. Die Sekretärin, die ich vertreten habe, hat einen Burn-out erlitten und wollte deshalb nicht mehr zurück in ihren Job. Mir wäre es ähnlich ergangen, denke ich. Das Arbeitspensum war mehr als gering, die Arbeit selbst unbefriedigend, die Mitarbeiterer oft harsch im Ton und wenig anheimelnd. Und dafür soll ich auf wertvolle Familienzeit verzichten? Nie, dziękuję.

Nun gut, das Leben besteht aus Trennungen. Und Neuanfängen.

Meine Kollegin mag mich nicht mehr

Und ich habe keine Ahnung, was vorgefallen ist, dass es dazu kommen musste.

Doch offenkundig ist etwas vorgefallen, denn bis vor kurzem mochte sie mich ja noch. Sie kam immer in mein Büro und fing an, zu schnacken. Das war nicht immer interessant, aber immerhin eine Abwechslung zum unterfordernden Charakter der Sekretärinnentätigkeiten. Jetzt grüßt sie nur noch kühl und sucht nach Dingen, die sie an mir kritisieren kann. Ich bin mir keines Faux-Pas bewusst – und normalerweise fallen mir eigene Fehler sofort auf und sind mir sehr unangenehm. Doch diesmal muss ich einem Vorfall keinerlei Bedeutung beigemessen haben, sie aber schon.

Überhaupt werde ich nicht von allen gemocht. Natürlich kann man nie allen gefallen, theoretisch weiß und akzeptiert man das. Aber wenn man es dann tatsächlich merkt, ist das schon deprimierend. Denn man hat ja keinen Einfluss darauf. Manchmal stimmt die Chemie einfach nicht – und schwupps bist du unten durch.
So passiert mit meinem dritten Chef, mit dem ich glücklicherweise nicht oft zu tun habe. Er kritelt aber auch andauernd an mir herum. Es handelt sich Kleinigkeiten, aber sie werden mit einer solchen Vehemenz kritisiert, dass ich noch Stunden danach gedanklich damit beschäftigt bin.

Warum müssen es einige Leute einen immer wissen lassen, dass sie nichts mit einem anfangen können? Wenn ich jemanden nicht mag, gehe ich ihm aus dem Weg und lässt sich das Ausdemweggehen nicht vermeiden, so lächle ich trotzdem nett und bleibe freundlich. Wozu jemanden den Tag vermiesen?

Überhaupt ist die Halbwertszeit in diesem Job überschritten. Über zwei Monate arbeite ich nun schon hier. Stets dachte ich, da kommt noch was, da ist noch mehr. Das ist erst der Anfang. Und tatsächlich kam noch was, aber so wenig und in keinster Weise anspruchsvoller, dass mich die Arbeit einfach nicht mehr motiviert. Ich hänge durch. In einem Monat läuft mein Vertrag hier aus – und ich bedaure es nicht.

Zusätzlich wird meine Motivation dadurch gedämpft, dass ebendiese mich nicht mehr mögende Kollegin wiederholt darauf hinweist, dass ich auf keinen Fall übernommen werde, „selbst wenn die Krankheit von Frau O. von längerer Dauer sein sollte“. Denn ich kann ja nur bis 16.00 Uhr arbeiten, das sei aber inakzeptabel für diesen Job.

Komisch, dabei habe ich höchstens den Vormittag über etwas zu tun, den Rest des Tages verbringe ich damit, zu bloggen und Bewerbungen zu schreiben. (Insofern verdiene ich es wohl auch gar nicht, übernommen zu werden – mein Engagement hält sich zugegebenermaßen in Grenzen.)

Die Aura des Chefs

Amüsant wird es immer dann, wenn der Verbandsdirektor ins Berliner Büro kommt – und das auch noch länger als einen Tag. Dann drehen alle am Rad. Selbst meine Vorgesetzten, die ja auch Chefs sind, aber noch unter dem Verbandsdirektor stehen, werden zu kleinen Jungs in Gegenwart des Schuldirektors: Sie würden nie einfach an seine Tür klopfen und darauf sein Büro betreten – nein, sie lauschen erst einmal an seiner Tür, ob der Verbandsdirektor telefoniert. Denn wenn er telefoniert, wollen sie ihn ja nicht stören, indem sie die Tür öffnen. OMG.

Letzte Woche war er drei Tage hintereinander in Berlin – meine Kollegin brauchte daraufhin erst einmal Urlaub und hat sich ein verlängertes Wochenende gegönnt.

Außenstehende mögen nun glauben, dass der Verbandsdirektor, deren Sekretärin ich bin, ein ausgesprochen anspruchsvoller Mensch sei, jemand mit ungewöhnlich hohen Erwartungen an seine Untergebenen. Falls dem so ist, habe ich davon noch nichts mitbekommen. Er ist im Gegenteil sogar sehr umgänglich und äußerst freundlich.

Ich würde eher behaupten, es ist seine Aura, die ihn zu einem gottgleichen Wesen für seine Mitarbeiter erhebt. Zumindest reagieren fast alle so in seiner Gegenwart: respektvoll bis hin zur Erniedrigung. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie sich auf die Knie werfen würden angesichts seiner Strahlkraft.

Von flachen Hierarchien hat man hier noch nichts gehört, auch nichts vom allgegenwärtigen Duzen – das man hier eher als Seuche, angeschleppt von angloamerikanischen Unternehmen, betrachtet.

Witzig ist auch das Verhalten seiner Sekretärinnen in Köln, deren Kontrolle sich der Chef entzieht, wenn er mal wieder nach Berlin fliegt. Sie halten sich zwar stark zurück und drangsalieren mich nicht, wenngleich ich ganz genau weiß, dass sie mich für eine ziemliche Niete auf der so verantwortungsvollen Position „Sekretärin des Verbandsdirektors“ halten. Aber sie haben so einen merkwürdigen Telefon-Spleen, dessen oberstes Mantra besagt: „Sei immer und überall erreichbar.“ Was zur Folge hat, dass das Umleiten (im Verbandsjargon „Umlegen“ genannt) des Telefons oberste Priorität genießt. Wenn meine Kölner Kollegin sich also vom Bürosessel erhebt, um bspw. in die Küche zu gehen und sich einen Kaffee zu holen, dann legt sie um auf ihr Firmen-Handy oder auf das Telefon ihrer Assistentin.

Folgendes ist also passiert, das mir viel, sehr viel Kritik eingebracht hat:

Ich habe mich aus meinem Bürosessel erhoben, um aufs Klo zu gehen, das Telefon aber habe ich NICHT umgelegt. Ich war somit nicht erreichbar. Das Telefon klingelte und klingelte und niemand ging ran.
„Das macht einen sehr schlechten Eindruck auf Außenstehende“, wurde mir daraufhin gesagt.

Ich muss noch viel lernen.