Worum geht’s

Was bezwecke ich mit meinem Blog? 

Zunächst ist „Zeitarbeiterin“ ein klassisches Tagebuch, in dem ich meine Erlebnisse und Gedanken bezüglich meines Berufslebens notiere. Das Schreiben soll mir dabei helfen, meinen Weg zu finden. Denn obwohl ich die 30er-Grenze bereits überschritten habe, verheiratet bin und eine Familie habe, weiß ich immer noch nicht genau, wohin die Reise gehen soll.

Ein paar Jahre war ich selbstständig und habe mir damit einen Traum erfüllt. Aus finanzieller Sicht ist meine Selbstständigkeit jedoch gescheitert.
Wenn man kein Geld mit seiner Arbeit verdient, sie also nicht finanziell honoriert wird, macht sie früher oder später auch keinen Spaß mehr. Ich habe meine Freiheit also aufgegeben – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Folglich musste ich wieder eine Anstellung finden. Da Freunde und Bekannte mir die Zeitarbeit empfahlen, habe ich mich auch gleich bei einer Zeitarbeitsfirma gemeldet und wurde sofort vermittelt. Mein erster Job war eine Sachbearbeiterstelle bei der Bank of Scotland. Mittlerweile habe ich meinen zweiten Job als Sekretärin bei einem Verband in Angriff genommen.

Hier wie dort bemitleidet mich die Belegschaft angesichts meines Status „Zeitarbeiterin“. Tatsächlich stehe ich ganz unten in der Hierarchie und verdiene weniger als die Angestellten. Bei der Bank of Scotland (BoS) habe ich wirklich wenig verdient: 8,50€/Stunde. Brutto. Am Monatsende kam ich so auf knapp 900€ netto, trotz 40-Stunden-Woche. Eine Kollegin, die exakt das gleiche leistete wie ich, jedoch keinen Studienabschluss vorweisen kann, verdiente sogar nur 7,50€. Mittlerweile verdiene ich 10€/Stunde (brutto). Ein Stundenlohn, von dem ich als Selbstständige nur träumen konnte.

Bemitleidet werden möchte ich allerdings nicht. Manchmal fühle ich mich der Belegschaft gegenüber sogar überlegen, denn ich weiß, dass mein Beschäftigungsverhältnis befristet ist. Früher oder später kann ich gehen. Mit unliebsamen Kollegen muss ich mich nur begrenzte Zeit herumschlagen. Unter Routine leide ich auch selten. Ganz im Gegenteil: in den vergangen Monaten habe ich so viel hinzugelernt wie seit der Schule nicht mehr. Ich kann besser beurteilen, was ich will und was ich wert bin. Ich bin selbstbewusster geworden, denn ich habe diverse Aufgaben und Situationen gemeistert.

Die Zeitarbeit hat mir Jobs verschafft und dafür bin ich dankbar. Ohne Zeitarbeit würde ich immer noch zu Hause herumsitzen und Bewerbungen schreiben, für die ich letztlich doch nur Absagen kassieren würde. Denn als zweifache Mutter ohne Berufserfahrung (Selbstständigkeit fällt offenbar nicht unter Berufserfahrung, weil du dafür keine Arbeitszeugnisse vorweisen kannst) gibt mir keiner eine Chance*.

Die Gesamtsituation, die mich dazu zwingt, Zeitarbeit in Anspruch zu nehmen, ist demnach denkbar schlecht.
*Aber auch Nicht-Mütter haben ein Problem, wie mir meine kinderlose beste Freundin berichtete: Als sie nämlich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen war, wurde sie stets auf ihre Familienplanung angesprochen: „Sie wollen doch sicher noch Kinder…?“. Wer will schon eine Frau einstellen, die früher oder später schwanger wird und in den Erziehungsurlaub geht?

7 Gedanken zu “Worum geht’s

  1. Gut so, habe schon lange jemand gesucht, die Erfahrung mit Zeitarbeit bloggt.
    Als mich persönlich treibt die Zeitarbeit in die Vereinsamung, Verarmung, Lohndumping Spirale wird vorangetrieben. Zeitarbeitsfirmen nutzen soziales Elend aus.
    Ich will jeden noch so kleinen Strohhalm annehmen, um da rauszukommen.
    Solidarische Grüße

    Gefällt mir

    • Besten Dank für deinen Kommentar – juhuu, es ist der erste!!!
      Jetzt mal ernsthaft: Ja, unbestritten sind Zeitarbeitsfirmen zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Ob er bedeutend ist, kann ich nicht beurteilen. Allerdings sind Zeitarbeitsfirmen in den vergangenen Jahren wie die Pilze aus dem Boden gesprossen. Allein in Berlin gibt es unzählige.
      Ich bin jedoch unschlüssig, ob ich die Zeitarbeit verdammen soll, denn sie trägt ja auch dazu bei, dass man überhaupt an Jobs kommt.
      Raus aus der Zeitarbeit will ich trotzdem, denn ich empfinde es als psychisch belastend: Die Jobs wechseln einfach zu oft. Kaum hat man sich eingewöhnt, ist man auch schon wieder draußen. Einige Firmen nutzen Zeitarbeiter sogar als Urlaubsvertretung…

      Gefällt mir

  2. Endlich lese ich einen Blog wo es um das „richtige“ Leben geht. Ich habe das Gefühl das die meisten Blogger studierende, oder hochschul absolventen sind. Jetzt komme ich m7ch nicht mehr so alleine vor. Denn auch ich hab mal mit einer Zeitfirma angefangen.

    Gefällt mir

    • Ganz lieben Dank für deinen Zuspruch, liebes authenticgirl!
      Ja, beim Surfen stößt man selten auf Blogs, die sich mit den weniger rosigen Seiten des Lebens befassen. –Vielleicht weil das Bloggen i.d.R. ein Freizeitvergnügen ist, das Spaß machen soll. Ich kann nachvollziehen, dass Blogger da keinen negativen Gedanken nachhängen wollen.

      Was mich angeht, so habe ich schon immer gern Tagebuch geschrieben – und das nun aufs Netz verlegt. Den Impuls zum Schreiben gaben aber nie die netten Begebenheiten des Alltags, die mich glücklich machten. Wenn ich glücklich bin, habe ich garantiert keine Lust zu schreiben. Nein, mir muss schon was unter den Nägeln brennen, damit ich in die Tasten haue.

      Nachdenklich stimmen mich Ungerechtigkeiten. Mag sein, dass es den meisten Bloggern so gut geht, dass sie sich nie ungerecht behandelt fühlen? –Dann muss ich ihnen allerdings auch vorwerfen, unsere Gesellschaft gänzlich unkritisch zu sehen.

      Hinzu kommt, dass sich die Leute ganz stark über ihren Beruf orientieren. Mit dem Status „Zeitarbeiter“ geht man ungern hausieren. Schließlich steht man, wie oben erwähnt, ganz unten in der Hierarchie. Ich schreibe darüber, weil ich die Zeitarbeit einfach als Berufserfahrung verbucht habe. Ich identifiziere mich nicht mit meinen Jobs. Sie dienen einzig und allein dem Broterwerb. Mein Selbstwertgefühl generiere ich aus ganz anderen Sachen als beruflichen Lorbeeren.
      Hier muss ich auf mein soziales Umfeld verweisen, das meine Qualitäten uneingeschränkt anerkennt, ohne dass ich eine bestimmte berufliche Position erreichen muss. (Drei Kreuze, dass ich kein Mann bin – da würde diese Situation schon wieder ganz anders bewertet werden.)
      Oje, ein Kommentar so lang wie ein halber Roman – ich bin aber auch schreibwütig heute.
      Zur beruflichen Identifikation fällt mir noch eine Anekdote ein, die mir meine Mutter vor Jahren erzählt hat. Wie das unter KollegInnen so ist, unterhält man sich ja gerne mal über den Verbleib der Kinder. Eine Kollegin erzählte ganz stolz von einem ihrer beiden Söhne, der es als Banker zu etwas gebracht hatte (das war noch vor der Bankenkrise). Auf die Frage, was denn der andere mache, antwortete sie: „Ach, der ist nur Koch.“.
      Wir haben alle Freiheiten der Welt in unserer Berufswahl. Trotzdem dürfte es uns aber auf Grund einer solchen Einstellung schwerfallen, stets in unserem Sinne zu entscheiden. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: der gesellschaftliche Druck (und seien es nur die Ansichten der Eltern) hört nie auf und es fällt verdammt schwer, sich ihm zu widersetzen.
      Wer Zeitarbeiter ist (oder sonst einen Job hat, der wenig Kohle bringt), muss irgendetwas falsch gemacht – versagt – haben. Und wer schreibt schon gern übers Versagen?

      Gefällt mir

  3. Ich arbeite leider auch in einer Zeitarbeitsfirma und kann diese ganzen Probleme, die du hier nur im Groben schilderst, sehr gut nachvollziehen. Obwohl ich einiges jünger bin und eigentlich erst am Anfang meiner beruflichen Laufbahn stehe, habe auch ich schon einige (negative) Erfahrungen in meinem dreiviertel Jahr mit der Zeitarbeit gemacht…
    Ich bin gespannt, auf deinem Blog mehr davon zu lesen.
    Liebe Grüße, Hüpfeflo

    Gefällt mir

    • Danke für den netten Kommentar, Hüpfeflo!
      Um aktuell und authentisch berichten zu können, bin ich auch auf Beiträge und Kommentare von Zeitarbeitern angewiesen. Insofern bin ich für deinen Kommentar besonders dankbar. Vielleicht findest du ja mal Zeit & Muße, einen Gastbeitrag zu schreiben? -Würde mich freuen!
      LG von der Zeitarbeiterin

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s