Warum Träume überbewertet werden

Ich gucke nicht oft fern. Eher schiebe ich eine DVD in den Player, um genau das zu sehen, was ich gerade sehen will – und das gänzlich ohne Werbeunterbrechungen.

Manchmal aber muss ich den Fernseher anschalten, weil ich mit meinem Sohn zusammen etwas gucken will, aber keinen entsprechenden Film auf DVD habe. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit, doch wir hatten Glück, denn es lief „Little Miss Sunshine“.

Der (US-amerikanische) Film handelt von einem durchschnittlichen Mädchen, das unbedingt an einer Miss-Wahl teilnehmen will. Sie verwandelt sich am Ende übrigens nicht in einen schönen Schwan, sondern bleibt die, die sie ist – und verliert. Das Mädchen verliert nicht nur, sondern macht sich auch noch zum Gespött der anderen Teilnehmerinnen und des übrigen Publikums.

Nun mag man sich fragen: Weshalb nimmt das Kind überhaupt an einer Miss-Wahl teil, wenn sie eh keine Chance hat, diese zu gewinnen? –Einer der Hauptgründe besteht darin, dass ihre Eltern sie darin bestärken, denn sie verfolgen das Credo:

Ein Mensch gehört schon deshalb auf die Gewinnerseite, wenn er nur versucht, seine Träume zu verwirklichen. Auch wenn man letztlich dabei scheitert, hat man es zumindest versucht.

Verlierer hingegen sind solche Menschen, die ihre Träume ad acta legen, ohne sie je realisiert zu haben.

Dies scheint ein beliebtes amerikanisches Sujet zu sein. Zumindest habe ich noch einen Artikel einer US-Amerikanerin gefunden, in dem es um das gleiche Thema geht: Man solle gefälligst wenigstens den Versuch unternehmen, seine Visionen in die Tat umzusetzen. Scheitern sei nicht so schlimm. Viel schlimmer seien all die Duckmäuser, die lieber auf der sicheren Seite leben, aber ein Leben lang bereuen, es nicht versucht zu haben. Hier ein Auszug:

Why all the empty statements? Why are we so afraid to try? Why are we talking about our hopes and dreams as unattainable mirages of a life we’ll never have? Why do we look at opportunity as a chance for failure and failure as a fate worse than death?  We think people will judge us for falling flat on our faces, laugh at us for pursuing ridiculous dreams. However, that’s where we’re so wrong.

No one is judging you on your failures. You can’t judge someone who tried and failed because failing in pursuit of your dreams means coming closer than never trying at all. You can sleep at night, knowing that you tried, rather than staying up, wondering how your life would or could be different if you had gone after those innermost desires.

Kein Wunder, dass das “Verwirkliche deine Träume”-Thema ein amerikanisches ist. Es klingt einfach zauberhaft. Der Träumer träumt nicht lange, lamentiert auch nicht groß rum, nein, er krempelt die Ärmel hoch und packt es an. Am Ende hat er sich seinen Traum erfüllt und ist glücklich. Selbst wenn er nicht an sein Ziel gekommen ist, ist er doch froh, sein Vorhaben wenigstens in Angriff genommen zu haben. Er hat es versucht. Andere klopfen ihm auch dafür anerkennend auf die Schulter.

Alles schön und gut. Was mich allerdings stört, ist die Aussage „no one is judging you on your failures“. Das klingt in meinen Ohren dann doch ein wenig zu märchenhaft. Anstelle von Anerkennung der Leistungen des Verlierers sehe ich da eher Schadenfreude, vielleicht auch Mitleid und zudem natürlich Kritik und Besserwissereien. Vielleicht lebt sie selbst in einer Traumwelt, die Autorin des zitierten Textes?

Auch der Einwand „Verlierer“ hätten angesichts der Nichtverwirklichung ihrer Träume und des damit verbundenen Reuegefühls „schlaflose Nächte“ erscheint mir fragwürdig. Ich persönlich schlafe gut, obwohl ich mir kaum einen Traum erfüllt habe. Ich beklage mich nicht, ich ergebe mich einfach in mein Schicksal und nehme es bedingungslos an.

Vielleicht wäre es auch mal angebracht, ein Hohelied auf Fatalismus und Realismus zu singen. Lass die Träume Träume sein und wende dich wieder deinem echten Leben zu!

Was meint ihr?: Sollten Träume um jeden Preis verwirklicht werden?

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