Unser Anteil an „made in Bangladesh“

Sie arbeiten bis zu 12 Stunden täglich an sechs Tagen in der Woche für umgerechnet 34€ im Monat. Teilweise sind sie dabei am Tisch angekettet, damit sie nicht zu oft aufstehen (um bspw. zur Toilette zu gehen). Die Fabriken, in denen sie ihr Dasein fristen, sind ein einziges Sicherheitsrisiko. Weit über 1000 NäherInnen sind seit 2009 allein in Bangladesch bei Fabrikbränden und –einstürzen ums Leben gekommen. Etwa 80% der TextilarbeiterInnen sind Frauen, viele davon Mütter (und deren Kinder, denn auch Minderjährige arbeiten schon in den Fabriken).

Die Bilder, Reportagen und Berichte über die Zustände in Bangladesch, aber auch in vielen anderen südostasiatischen Ländern (u.a. Vietnam, Kambodscha, Indonesien) machen betroffen und lassen die Frage offen, ob man seine Kleidung noch guten Gewissens tragen kann. Zwar stehen v.a. Discounter wie Kik und Primark, die INDITEX-Gruppe und H&M in der Kritik, aber ganz sicher kann man sich über die Herkunft auch bei teuren Kleidungsstücken nicht sein. Rechtlich ist es nämlich schon erlaubt, „Made in Germany“ aufs Etikett zu schreiben, wenn nur das Etikett selbst in Deutschland eingenäht wurde. Und bei „italienischen“ Schuhen reicht es schon aus, wenn nur die Schnürsenkel in Italien eingezogen wurden.

Doch selbst wenn man sich ganz sicher sein kann, dass ein Kleidungsstück fair produziert wurde, kennt man doch kaum die gesamte Lieferkette, aus dem sich ebendieses Kleidungsstück zusammensetzt. Was ist mit dem Stoff, dem Garn, den Knöpfen, sonstigen Accessoires? –Woher kommen sie? Unter welchen Bedingungen wurden sie hergestellt und aus welchen Materialien?

Ich habe kürzlich einer kleinen Runde im Rahmen der Berliner Wirtschaftsgespräche gelauscht, die sich mit dem Thema der „schmutzigen“ Textilindustrie auseinandersetzte. Mich hat dabei interessiert, welche Verbesserungsvorschläge es gibt und wie sich der Endkunde verhalten soll. Letztlich war ich doch einigermaßen ernüchtert angesichts der Dürftigkeit der Fortschritte, die bislang erzielt worden sind. Man freut sich schon, dass H&M sich auf ein Ziel bis 2018 festgelegt hat. Es heißt, bis dahin sollen die TextilarbeiterInnen von ihren Löhnen leben können. Der schwedische Konzern ist übrigens der einzige, der sich überhaupt festgelegt hat.

Die Runde fragte auch nach Labels, die es dem Kunden erleichtern sollen, fair produzierte Kleidung zu erkennen (nach dem Vorbild der Bio-Siegel für Lebensmittel). Doch auch hier gibt es nichts, was bereits in die Tat umgesetzt worden wäre. Andere wiederum arbeiten (mit der Industrie zusammen) daran, die Zustände für die TextilarbeiterInnen zu verbessern. Letzten Endes will jedoch kein Unternehmen seine Gewinnmargen reduzieren – oder eben die Preise für seine Produkte erhöhen. Dass es darauf hinausläuft, wenn man fair produziert, steht aber außer Frage.

Verwundert hat mich auch die Aussage einer Designerin mit Lehrauftrag an einer Berliner Hochschule, dass selbst ihre Zunft kaum Möglichkeiten kennt, im großen Stil zu produzieren und dabei auf bspw. biologisch hergestellte Stoffe zurückzugreifen. Man sei wenig vernetzt. Auf gute Arbeitsbedingungen in der Textilbranche werde nur dann und wann im Rahmen einer Projektarbeit geachtet.

Nun wird die Textilbranche aber kaum nach Deutschland oder (West-)Europa zurückkehren. Wir Konsumenten können bis auf Einzelstücke nicht auf Kleidung „made in Bangladesch“ verzichten. Was können wir also tun, um unser Gewissen reinzuwaschen?

Ich für meinen Teil versuche, wenigstens meine Kinder in Bio-Klamotten zu kleiden, die ich von hessnatur beziehe. Sonderlich viel Auswahl gibt es nicht und mir blutet jedes Mal das Herz bei der Begleichung der Rechnungen – angesichts der Preise. Hinzu kommt, dass ich einfach darauf vertrauen muss, dass die Werbebotschaften von hessnatur auch der Wahrheit entsprechen und das Unternehmen tatsächlich auf biologisch hergestellte Stoffe und fair produzierte Kleidung zurückgreift. Überprüfen kann ich es nicht.

Hessnatur hat natürlich auch Kleidung für Erwachsene im Repertoire, diese gefällt mir jedoch rein optisch nicht. Die Mode ist trotzdem doppelt bis dreifach so teuer wie die von H&M.
Ja, ich gebe es zu, ich kaufe gern bei H&M. Ich mag deren Stil und ich bin – im Gegensatz zu vielen anderen – auch von der Qualität ihrer Waren überzeugt. So richtig will ich mich nicht lösen. So richtig glücklich bin ich aber auch nicht mehr, wenn ich durch eine H&M-Filiale streife, mir die Klamotten ansehe und den Fakt, dass sie unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt wurden, einfach nicht aus meinem Kopf verbannen kann. Der Klamottenkauf ist kein Vergnügen mehr für mich, sondern ist zur reinen Notwendigkeit verkommen. Er hat sich „vermännlicht“: Ich verrichte ihn, weil ich muss.

Ich vermute, dass sich die Zustände in der südostasiatischen Textilbranche auch langfristig nicht wesentlich verbessern werden. Diesbezüglich wird es sich, meiner Meinung nach, ähnlich verhalten wie hierzulande mit der Nahrungsmittelindustrie: Wir wissen, dass Tiere unter schlimmsten Bedingungen gehalten und geschlachtet werden. Wir wissen, dass sie leiden, aber wir essen trotzdem Fleisch.

Vielleicht vergessen wir das Leid der anderen nicht, aber wir leiden nicht mit. Wir akzeptieren es, indem wir wegschauen. Vielleicht ist es uns auch einfach egal. Sind wir zum Umdenken überhaupt imstande?

http://de.wikipedia.org/wiki/Textilindustrie_in_Bangladesch

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/textilindustrie-in-bangladesch-wie-westliche-firmen-mit-dem-fabrikunglueck-von-savar-umgehen/8160416.html

https://www.bwg-ev.net/

http://www.untergrund-blättle.ch/wirtschaft/bangladesh_die_naehstube_der_welt.html

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Ein Gedanke zu “Unser Anteil an „made in Bangladesh“

  1. Pingback: Weshalb ich keine Kleidung tragen will, die von gewissenlosen Drückebergern gemacht wird | Zeitarbeiterin

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