Exkurs 3: Bankjob

Ich habe in meinem Post Exkurs: mein erster Job bei ‘ner Bank erwähnt, dass ich mir bei der Bank of Scotland (BoS) ein paar handschriftliche Notizen zu meinem Befinden während der Arbeit dort gemacht habe.

Zur Erinnerung: Es war mir nicht möglich, zu bloggen, da alle mit einem Account versehenen Webseiten (und nicht nur die) gesperrt waren. Außer Xing komischerweise. Seltsam…

Wie auch immer, hier sind meine Notizen:

Phasen im Job

1 – nach anderthalb Monaten im Job: es findet eine Art Aklimatisierung statt (Resignation, Gleichgültigkeit, man findet sich ab)

Gedanken wie: „Eigentlich ist es doch gar nicht so schlecht.“ oder „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“
Hinzu kommt: keine Zeit für Bewerbungen, die sich ohnehin nicht lohnen?

Gegen Ende des Tages verzweifelt man allerdings mehr und mehr am repetitiven Charakter der Arbeit: 8h das Gleiche – deprimiert auf Dauer.

Erleichterung, wenn der Feierabend kommt, ist riesig schön: man vergisst fast augenblicklich
Es ist kein Job, über den man am Abend noch nachdenken muss, ungelöste Fragen gibt es nicht.

Wenn es ein gut bezahlter TZ-Job wäre, würde ich ihn weitermachen (sollte ich hier eine feste Stelle angeboten bekommen), denn:

kein geistiger Stress, keine Verantwortung, keine Probleme
die meisten sind nett zueinander, selbst der Chef ist okay
es gibt die Freundlichen und die weniger Freundlichen

von Anfang an steht fest: die Arbeit ist zwar stumpfsinnig, aber fast alle Zeitarbeiter wollen unbedingt übernommen werden > Haifischbecken

alle geben ihr Bestes

Warum?:
Die Arbeit sei entspannt, höre ich als Antwort. Und das Gehalt in Ordnung.
In Wirklichkeit klammern sie sich an einen letzten Zipfel Sicherheit.

2 – Langeweile, die fast schon körperlich schmerzt

Bore out

Unterforderung, Unterforderung, Unterforderung

in der Belegschaft extrem hoher Anteil homosexueller Männer (bei den Frauen schwieriger zu beurteilen)

Populärste aller Fragen: kannst du auch am Wochenende arbeiten?
(Ich verneine konsequent, ohne auch nur einmal einen Grund zu nennen – mein gutes Recht, dennoch erfüllt es mich mit Schuldgefühlen.)
Alle anderen sagen zu.

3 – der Mensch ist ein Gewohnheitstier
Selbst an den Hungerlohn gewöhne ich mich, an die Arbeit jedoch immer noch nicht. Ganz.

Wenn ich mal wieder an meine Grenzen stoße, bilde ich mir ein, ich sei investigative Journalistin, die Extremsituationen im Berufsleben austestet. Unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten müssen und welche Überlebensstrategien sie entwickeln. Oder ich sage mir, dass ich Autorin bin und lediglich Input für meine neuestes Buch sammle. Ich selbst bin Protagonistin in einem Roman.

Das ist nicht wirklich meine Arbeit!

habe eine alte Ausgabe von Intouch im Papierkorb gefunden und rausgeholt – sie rettet mich über den Tag

habe Kreuzworträtsel für mich entdeckt, sie sind gar nicht so langweilig.

Es gibt auch Online-Kreuzworträtsel. ENDE der Notizen.

Anmerkung:

Ich wollte das so. Ich wollte einen dummen Job, weil ich nur Geld verdienen wollte. Nichts weiter. Keine Überforderung, kein Nachdenken, keine Probleme. Ich wollte unbeschwert nach Hause gehen und dort den Dingen nachgehen, die mich wirklich interessierten.
Aber ich habe festgestellt, so ein Job geht einfach nicht. Ich kann das nicht auf Dauer machen. Ich würde dran kaputtgehen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das klingt so harmlos, so gemütlich. Als sei der Mensch kein Mensch, sondern ein Bär, der sich in sein Bärenschicksal fügt.

Doch es ist in höchstem Maße gefährlich, sich der Gewohnheit zu ergeben. Es trübt den Blick und verstellt den Weg für Veränderungen. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Tag weniger auf unserem Lebenszeitkonto. Daran denke ich oft. Und daran habe ich gedacht, als ich bei der BoS gearbeitet habe. Und dann kommt der Tag, an dem man zurückblickt und merkt, dass man seine Zeit sinnlos vergeudet hat. Es ist wie auf diesem wunderbaren Adam-Comic, auf dem eine Kuh zu sehen ist, die angesichts des Schlachthofs denkt: „Oh nein, ich habe mein Leben nur damit verbracht, Gras zu fressen.“

Und trotzdem habe ich bei der BoS so viele intelligente und liebenswerte Kollegen gehabt, die sich in ebendieser Gewohnheit wohlgefühlt haben. Sie haben sich an diesen Horrorjob gewöhnt, bis sie ihn normal fanden. Und wenn man erst einmal so weit ist, dass man etwas normal findet, dann findet man es auch irgendwie okay. Ich weiß nicht, ob ich das beklemmend oder beruhigend finden soll.

Das Projekt ist jedenfalls vorbei und ich habe es überlebt. Und vielleicht bin ich auch daran gewachsen. Ich weiß es nicht. Rückblickend kommt es mir irgendwie surreal vor.

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