Das Betreuungsproblem

Am Abendbrotstisch habe ich mich mit einer Erzieherin unterhalten. Ich bin gerade in Köln und assistiere bei einem Seminar, das übers ganze Wochenende geht. Sie passt derweil auf die beiden Jungs einer Teilnehmerin auf.

Sie sagte, sie sei verwundert darüber, dass es Eltern in ihrem Kinderladen gibt, die ihre Kinder morgens halb acht abgeben und erst halb fünf wieder abholen. Typisch Westdeutsche, dachte ich bei mir.

Dann sagte sie noch, dass den Erziehern dadurch fast die gesamte Erziehungsarbeit zuteil wird, sie deshalb eine enorm wichtige Rolle für das Kind spielen, mit dieser Rolle vielleicht aber auch überfordert sind.

Weiterhin sagte sie, es gibt Kinder, die leiden richtig, wenn sie im Kinderladen abgegeben werden und dann leidet auch sie. Gerade die unter Zweijährigen sollten zu Hause bei ihren Eltern sein. Einige der Kinder stehen schon mittags am Gatter und fragen, wo Mama oder Papa bleiben.

Sie wusste nicht, dass ich meine anderthalbjährige Tochter ebenfalls den ganzen Tag lang fremdbetreuen lasse.

Ich nickte nur stumm, im Grunde hat sie ja recht. Sie kann es nicht beweisen und ich kann es nicht beweisen, aber im Herzen weiß es jede Mutter. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als bei meiner Tochter zu sein, aber als Hausfrau hat man keine Zukunft, weder in beruflicher noch in finanzieller Hinsicht.

Es gibt natürlich Studien, die besagen, dass es Kindern ab 12 Monaten keineswegs schadet, in die Kita geschickt zu werden. Die ganzen positiven Effekte kann sich jeder denken (soziales Miteinander unter Kindern usw.).
Aber den ganzen Tag lang?
Dann gibt es andere Studien, die nicht genannt werden, die durchaus negative Effekte belegen. Die sind politisch und gesellschaftlich ungewollt. Denn es mangelt ja an Fachkräften, also muss Mami schleunigst zurück an den Schreibtisch. (Es erinnert mich ein wenig an die DDR, in der es auch verpönt war, mit dem Nachwuchs zu Hause zu bleiben, und Kinder oft schon 8 (!) Wochen nach der Geburt in die Krippe gesteckt wurden. -Übrigens berichten die Mütter von damals mit Stolz davon, so als sei es ein Verdienst! Ja, dem Staat haben sie damit wohl einen Dienst erwiesen, aber ob man darauf so stolz sein kann? Es wurde ihnen vermutlich als Emanzipation verkauft…)

Doch egal, welcher Studie man glaubt, sollte man doch in erster Linie auf sein Herz hören. Insofern wünschte ich mir, dass unsere Gesellschaft offen wäre für alle erdenklichen Lebensentwürfe, nicht ausschließlich für den Entwurf einer verheirateten Frau, die Vollzeit arbeitet, obwohl sie mehrere Kinder hat. Ich würde gerne mit meiner Tochter zu Hause bleiben. Ich könnte es mir sogar finanziell leisten. Am liebsten aber würde ich Teilzeit arbeiten und sie schon nach dem Mittagessen abholen.

Alle Welt redet von mangelnden Betreuungsplätzen. Ich denke aber, es mangelt an Teilzeitstellen!

Aber dann denke ich an die Themen „Rente“ und „Altersarmut“ und es erscheint mir doch sehr riskant, nicht oder nur teilweise zu arbeiten.

Advertisements

Exkurs 3: Bankjob

Ich habe in meinem Post Exkurs: mein erster Job bei ‘ner Bank erwähnt, dass ich mir bei der Bank of Scotland (BoS) ein paar handschriftliche Notizen zu meinem Befinden während der Arbeit dort gemacht habe.

Zur Erinnerung: Es war mir nicht möglich, zu bloggen, da alle mit einem Account versehenen Webseiten (und nicht nur die) gesperrt waren. Außer Xing komischerweise. Seltsam…

Wie auch immer, hier sind meine Notizen:

Phasen im Job

1 – nach anderthalb Monaten im Job: es findet eine Art Aklimatisierung statt (Resignation, Gleichgültigkeit, man findet sich ab)

Gedanken wie: „Eigentlich ist es doch gar nicht so schlecht.“ oder „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“
Hinzu kommt: keine Zeit für Bewerbungen, die sich ohnehin nicht lohnen?

Gegen Ende des Tages verzweifelt man allerdings mehr und mehr am repetitiven Charakter der Arbeit: 8h das Gleiche – deprimiert auf Dauer.

Erleichterung, wenn der Feierabend kommt, ist riesig schön: man vergisst fast augenblicklich
Es ist kein Job, über den man am Abend noch nachdenken muss, ungelöste Fragen gibt es nicht.

Wenn es ein gut bezahlter TZ-Job wäre, würde ich ihn weitermachen (sollte ich hier eine feste Stelle angeboten bekommen), denn:

kein geistiger Stress, keine Verantwortung, keine Probleme
die meisten sind nett zueinander, selbst der Chef ist okay
es gibt die Freundlichen und die weniger Freundlichen

von Anfang an steht fest: die Arbeit ist zwar stumpfsinnig, aber fast alle Zeitarbeiter wollen unbedingt übernommen werden > Haifischbecken

alle geben ihr Bestes

Warum?:
Die Arbeit sei entspannt, höre ich als Antwort. Und das Gehalt in Ordnung.
In Wirklichkeit klammern sie sich an einen letzten Zipfel Sicherheit.

2 – Langeweile, die fast schon körperlich schmerzt

Bore out

Unterforderung, Unterforderung, Unterforderung

in der Belegschaft extrem hoher Anteil homosexueller Männer (bei den Frauen schwieriger zu beurteilen)

Populärste aller Fragen: kannst du auch am Wochenende arbeiten?
(Ich verneine konsequent, ohne auch nur einmal einen Grund zu nennen – mein gutes Recht, dennoch erfüllt es mich mit Schuldgefühlen.)
Alle anderen sagen zu.

3 – der Mensch ist ein Gewohnheitstier
Selbst an den Hungerlohn gewöhne ich mich, an die Arbeit jedoch immer noch nicht. Ganz.

Wenn ich mal wieder an meine Grenzen stoße, bilde ich mir ein, ich sei investigative Journalistin, die Extremsituationen im Berufsleben austestet. Unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten müssen und welche Überlebensstrategien sie entwickeln. Oder ich sage mir, dass ich Autorin bin und lediglich Input für meine neuestes Buch sammle. Ich selbst bin Protagonistin in einem Roman.

Das ist nicht wirklich meine Arbeit!

habe eine alte Ausgabe von Intouch im Papierkorb gefunden und rausgeholt – sie rettet mich über den Tag

habe Kreuzworträtsel für mich entdeckt, sie sind gar nicht so langweilig.

Es gibt auch Online-Kreuzworträtsel. ENDE der Notizen.

Anmerkung:

Ich wollte das so. Ich wollte einen dummen Job, weil ich nur Geld verdienen wollte. Nichts weiter. Keine Überforderung, kein Nachdenken, keine Probleme. Ich wollte unbeschwert nach Hause gehen und dort den Dingen nachgehen, die mich wirklich interessierten.
Aber ich habe festgestellt, so ein Job geht einfach nicht. Ich kann das nicht auf Dauer machen. Ich würde dran kaputtgehen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das klingt so harmlos, so gemütlich. Als sei der Mensch kein Mensch, sondern ein Bär, der sich in sein Bärenschicksal fügt.

Doch es ist in höchstem Maße gefährlich, sich der Gewohnheit zu ergeben. Es trübt den Blick und verstellt den Weg für Veränderungen. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Tag weniger auf unserem Lebenszeitkonto. Daran denke ich oft. Und daran habe ich gedacht, als ich bei der BoS gearbeitet habe. Und dann kommt der Tag, an dem man zurückblickt und merkt, dass man seine Zeit sinnlos vergeudet hat. Es ist wie auf diesem wunderbaren Adam-Comic, auf dem eine Kuh zu sehen ist, die angesichts des Schlachthofs denkt: „Oh nein, ich habe mein Leben nur damit verbracht, Gras zu fressen.“

Und trotzdem habe ich bei der BoS so viele intelligente und liebenswerte Kollegen gehabt, die sich in ebendieser Gewohnheit wohlgefühlt haben. Sie haben sich an diesen Horrorjob gewöhnt, bis sie ihn normal fanden. Und wenn man erst einmal so weit ist, dass man etwas normal findet, dann findet man es auch irgendwie okay. Ich weiß nicht, ob ich das beklemmend oder beruhigend finden soll.

Das Projekt ist jedenfalls vorbei und ich habe es überlebt. Und vielleicht bin ich auch daran gewachsen. Ich weiß es nicht. Rückblickend kommt es mir irgendwie surreal vor.

Exkurs 2: Bankjob

Gerade finden Bewerbungsgespräche statt. Unser Pressesprecher sucht eine neue Assistentin, weil sich sein jetzige einen anderen Job gesucht hat. Ich koche Kaffee, decke ein, decke ab und wieder ein und sage Bescheid, wenn eine neue Bewerberin eingetroffen ist. Es wurden nur Frauen eingeladen.

Überhaupt ist heute viel los. Ständig wird telefoniert, Kollegen unterhalten sich im Flur, der Verbandsdirektor und der Personalreferent sind aus Köln eingeflogen. Die Stimmen überschneiden sich, denn die meisten Bürotüren stehen offen. Bei mir ist allerdings noch kein einziger Anruf eingegangen, nur ein paar uninteressante eMails.

Schon Mittag, wie schön. In drei Stunden kann ich nach Hause gehen, meine Tochter aus der Kinderkrippe abholen und noch eine Weile mit ihr auf den Spielplatz gehen.

Gestern habe ich noch ein wenig in Erinnerungen geschwelgt an meinen Bankjob. Wir verglichen also Daten und nahmen, sofern dies erforderlich war, Änderungen vor. Adressänderungen oder einfach die Beseitigung von Tippfehlern. Den ganzen Tag lang.
Und wenn wir doch einmal von unseren Bildschirmen aufblickten und aus dem Fenster schauten, dann konnten wir den Putzfrauen im gegenüber liegenden Radisson Blu bei der Arbeit zuschauen. Wie sie die Betten machten oder Spinnweben zwischen den Balkonstreben beseitigten. Wenn ich sie so dabei beobachtete, dachte ich so bei mir: „Es gibt also doch noch schlimmere Jobs als meinen.“. Bis meine Kollegin sagte, sie sei lieber Putzfrau als Sachbearbeiterin bei der BoS. Sie wollte sich sogar mal als Hotelfachfrau bewerben, scheiterte aber an mangelnder Berufserfahrung.

Ich grübelte mehr oder weniger bewusst ständig darüber nach, welche Jobs schlechter sein könnten als meiner, aber mir fielen kaum welche ein. Einmal allerdings war ich abends noch bei Kaiser’s einkaufen und etwa drei Meter vom Ausgang entfernt stand ein Ladendetektiv. Er stand da und rührte sich nicht, schaute sich nur die an ihm vorbeigehenden Leute an, die ihn jedoch nicht beachteten. Da wusste ich, es gibt wenigstens diesen einen Job, der schlimmer ist als meiner.

Der Typ hatte nicht mal Kollegen, mit denen er sich hätte unterhalten können.

Exkurs: mein erster Job bei ’ner Bank

Gut, auch im weiteren Tagesverlauf wird es nicht stressiger. Im Gegenteil. Ich kann also wieder bloggen und greife auf vergangenen Input zurück:

mein erster Job über Zeitarbeit bei der Bank of Scotland (nicht zu verwechseln mit der Royal Bank of Scotland)

Es handelte sich um eine Sachbearbeiterstelle, die für drei Monate ausgelegt war, in denen wir den niederländischen Kundenservice unterstützen sollten. „Wir“ waren knapp 20 Zeitarbeiter. Eine Hauruckaktion, weil die Bank in Zeitnot war.

Die Tätigkeit lässt sich gut mit dem Zitat eines Zeitarbeiterkollegen zusammenfassen:

„Erst 10 Jahre Schule, danach 3 Jahre Ausbildung – und dann KYC 2.“

KYC 2 bezeichnet die Software, die wir verwendeten: Know Your Customer. Ein CRM, in dem alle Kundendaten verwaltet werden.
Wir Zeitarbeiter durften das umfangreiche Tool jedoch nur oberflächlich kennen lernen. Hierfür gab es eine zweitägige Schulung, die schönsten zwei Tage übrigens von den schlussendlich (und Gott sei Dank!) nur 2,5 Monaten bei der BoS.

Festzuhalten ist, dass es tatsächlich nur zweier Tage Schulung bedurfte, um bei der BoS zu arbeiten. Die folgenden 2,5 Monate waren eine unaufhörliche Wiederholung der Prozesse, die wir in der Schulung gelernt hatten. Es war, um es euphemistisch zu formulieren, extrem repetitiv.

Ich bin jedoch kein Fan von Euphemismen, also Klartext:

Ich konnte förmlich spüren, wie mein Hirn im Laufe des Arbeitstages auf die Größe einer Walnuss schrumpfte. Am Ende des Tages fühlte ich mich einfach nur noch leer. Kaum zu glauben, aber es ist tatsächlich sehr anstrengend, acht Stunden lang einer stupiden Aufgabe nachzugehen. Denn man muss trotzdem konzentriert arbeiten – und das kontinuierlich. Eigentlich pausenlos. Es sei denn, man gehörte zu den Rauchern, die sich stündlich ein Pause gönnten.

Wir saßen in einem Großraumbüro, etwa 50 Männer und Frauen, Vorgesetzte, Chefs, Angestellte, Zeitarbeiter, studentische Hilfskräfte. Alles zusammen. Jeder konnte jdem auf den Bildschirm glotzen und somit genau erkennen, ob man arbeitete oder nicht. Persönliche Gespräche waren natürlich auch nicht drin, denn alle im Umkreis konnten ja mithören.

Der perfekte Arbeitsplatz aus Sicht eines Arbeitgebers.

Deshalb – und weil ALLE Webseiten mit persönlichem Account gesperrt waren, konnte ich nicht bloggen. Ich habe allerdings hin und wieder ein paar handschriftliche Notizen gemacht und werde diese wohl noch nachträglich in meinen Blog einfügen (sofern ich das Notizbuch finde).

Jedenfalls, wenn man so dabei ist, sich an die Arbeit, die Kollegen und alle Gegebenheiten gewöhnt hat (ja, man gewöhnt sich tatsächlich daran), erscheint einem dieser Zustand tatsächlich als normal. Man schätzt seine Arbeit sogar ein bisschen, immerhin verdient man Geld und überhaupt: es hätte einen ja noch schlimmer treffen können. Irgendein Kollege hatte dort immer ein paar Geschichten mit vergangenen Horrorjobs parat…

Da es mir vergönnt war, nach 2,5 Monaten Lebwohl zu sagen und einen neuen Job in Angriff zu nehmen, habe ich auch die Möglichkeit zurückzublicken und den Sachbearbeiterjob bei der BoS etwas objektiver zu betrachten:

Es war ein Horrorjob*.

*Zumindest für all jene, die ihr Hirn nicht abschalten und dabei zusehen möchten, wie es verkümmert.

gelangweilt als Urlaubsvertretung

Momentan gibt es einfach keinen Input. Ich will schreiben, aber es passiert nichts, worüber ich schreiben könnte. Meine Kollegin ist im Urlaub und sie hat sich vorher wahnsinnige Sorgen darüber gemacht, ob ich allein klarkomme. Mehrmals ist sie die Mappe für Vertretungsarbeiten mit mir durchgegangen und hat sich beinahe dafür entschuldigt, sich eine Woche freigenommen zu haben. Und nun: Flaute. Nicht dass es mich überraschen würde, aber mit ein wenig Mehraufkommen habe ich schon gerechnet.

Ich sitze vor Outlook und checke heute Morgen schon zum dritten Mal meinen Kalender und den der Geschäftsführung. Nichts. Zumindest nichts für mich.Die Kaffeemaschine ist sauber, Drucker und Faxgerät angeschaltet, der Datumsstempel aktualisiert, die eMails gecheckt. Selbst meine Schränke habe ich bereits aufgeräumt. Ich könnte ja noch mal im Sekretärinnenhandbuch blättern oder mir selbst ein Arbeitszeugnis ausstellen…

Gerade ist eine Kollegin auf mich zugekommen, um mich zu fragen, ob ich Arbeiten für die Auszubildende habe, die gestern aus Köln gekommen ist und nun ein paar Wochen im Berliner Büro helfen soll. Das erinnert mich an Praktika aus längst vergessenen Zeiten. Ich wusste nicht, dass Azubis einen ähnlich schweren Stand haben.

Das Büro füllt sich langsam, es wird lauter. Ich frage mich, ob es den Kollegen ähnlich geht. Ob sie auch nichts zu tun haben und die Zeit totschlagen mit Nichtigkeiten.

Trotzdem möchte ich um kein Geld der Welt mit meinem Mann tauschen, der bei ebay unter Dauerstress steht und nur im viel zitierten Sommerloch mal durchatmen kann. Dabei steht er in der Hierarchie nicht einmal besonders weit oben. Ebay hat schlicht und ergreifend nur so wenige Mitarbeiter für die jeweiligen Sachgebiete, dass sie gerade hinkommen, wenn die Belegschaft zu 100% da ist. Wenn jedoch einer krank wird oder Urlaub macht, sind die Kollegen nur noch am Rotieren, haben kaum Zeit für die Mittagspause, machen Überstunden.

Beim Verband hier wird das genaue Gegenteil gelebt. Vielleicht liegt es daran, dass man ein Verein ist, und keine AG. Offenbar ist man den Leuten, die fleißig ihre Krankenkassenbeiträge zahlen, nicht mehr schuldig. Ich will mich gar nicht beschweren.

Erster Arbeitstag als Sekretärin

Der Montag war herrlich. Ich habe meinen freien Tag genossen, als gäb’s kein Morgen mehr. Bis dann – zum Glück erst am frühen Abend – der Anruf der DIS AG kam, dass ich tatsächlich Dienstag als Sekretärin anfangen könne. Bis dato hatte ich mir solch utopische Szenarien ausgemalt, dass das Kundenunternehmen aus unerfindlichen Gründen doch einen Rückzieher machen würde. Ich wollte nicht mehr arbeiten. Ich wollte einfach nur zu Hause bleiben und mein Leben genießen, trotz Geldmangels und Langeweile.

Nun aber sitze ich in einem mir völlig fremden Büro und habe nichts zu tun.

Ich hatte mir ein echtes Schreckensszenario ausgemalt. Es handelte vornehmlich von Überlastung. Ich dachte, ich müsste als Sekretärin an alles denken. An ALLES. Getränkelieferanten reinlassen, Gäste bewirten, Klopapier besorgen, Druckerpatronen austauschen, nebenbei noch die Geschäftskorrespondenz erledigen und Rechnungen schreiben…

Tja, es ist anders gekommen. Besser, würde ich sagen. Zumindest habe ich rein gar nichts zu tun. Ich habe das Gefühl, man wolle mir nicht zu viel zumuten. Ich habe also vorgeschlagen, den Kühlschrank zu säubern. Dies wurde mir zögernd erlaubt.

Neuer Job in Aussicht

Ich habe Angst. Ich habe Angst, in mein eMail-Postfach zu schauen. Ich habe Angst, auf mein Handy zu schauen. Ich habe sogar Angst, mein Handy überhaupt zu hören. Deshalb habe ich es auf lautlos gestellt. Nicht mal der Vibrationsalarm ist an. Es ist völlig still.

Ich habe schon seit meinem Vorstellungsgespräch am Freitag Angst, obwohl dieses kaum besser hätte laufen können. Meine Gesprächpartner machten einen äußerst warmherzigen Eindruck und schienen mir wohlwollend zugewandt. Es war ein sehr angenehmes Hin und Her von Fragen und Antworten und zwischendurch die ein oder andere Anekdote, erzählt vom Chef.

Und trotzdem habe ich das Gefühl, in diesem Unternehmen nicht bestehen zu können. Zumindest nicht auf dieser Position. Ich soll dort die Sekretärin vertreten, die krankheitsbedingt ausfällt. Für maximal sechs Wochen. Was soll man in sechs Wochen schon großartig falsch machen?

Was derart an mir nagt, ist meine nicht vorhandene Berufserfahrung auf diesem Gebiet. Grundsätzlich denke ich ja, dass es nicht sonderlich schwierig sein kann, Sekretärin zu sein. Aber genau weiß ich es eben nicht. Eingearbeitet werde ich dort nicht, das sagten sie mir schon. Die eigentliche Sekretärin ist ja krank. Ich werde ins kalte Wasser gestoßen und kann nur hoffen, dass ich nicht untergehe. Irgendwie deprimiert mich diese Aussicht.

Serienbriefe zu erstellen und ans Telefon zu gehen, ist doch keine Kunst? Und dennoch bin ich unglaublich aufgeregt. Die Angst, zu versagen, verfolgt mich bis in den Schlaf.

Letztlich wollen diese Leute doch nur eine kleine Unterstützung haben, rede ich mir ein. Sie erwarten keine Wunder von mir. Vielleicht kommen mal Gäste, die ich freundlich bewirten und deren Geschirr ich in die Spülmaschine räumen soll. Was ist daran so beängstigend?

Als ich mich auf die Zeitarbeit eingelassen habe, war der Hauptgrund, verschiedene Tätigkeitsfelder kennen zu lernen und so meinen Horizont zu erweitern. Mir schwebte vor, einen riesigen Erfahrungsschatz anzuhäufen und ich war voll froher Erwartung. Nun bietet sich mir ebendiese Möglichkeit, aber ich kriege kalte Füße.

Sich immer wieder neu beweisen zu müssen, Kollegen aufs Neue kennen lernen zu müssen, den Mikrokosmos des neuen Büros neu ergründen zu müssen, all das ist eine Herausforderung, jedoch keine, die ich gern in Angriff nehme. Sie ist ermüdend. Und da man weiß, dass man den neu ergründeten Mikrokosmos nach ein paar Wochen ohnehin verlassen wird, ist man auch nicht sonderlich erpicht darauf, sich diese Mühe zu machen.